Interviews: Wie wird man Spieleredakteur? Teil 4


Aufmacher_gregor

Name:
Gregor Kartsios

Ehemalige Position(en) in Spieleredaktionen:
Freier Autor für Game Master, Game Pro. Redakteur bei MTV GameOne.

Wie bist du in die Branche gekommen?
Über ein Praktikum bei GameOne. Ich wollte eigentlich schon immer mal für eine Videogame-Zeitschrift schreiben, aufgrund von Zeit- und Geld-Gründen hat das aber nie so recht geklappt – hier in Hamburg sind Spiele-Redaktionen rar gesät. Dann folgte im Sommer 2006 Simons Aufruf im allseits beliebten Maniac-Forum, dass Leute für eine neue Show bei MTV gesucht werden. Ich habe mich auf gut Glück beworben und wurde sogar zum Vorstellungsgespräch eingeladen, welches meines Erachtens ziemlich positiv verlaufen ist. So positiv war es dann doch nicht, denn schon bald flatterte die Absage rein. Knapp zwei Monate später habe ich es nochmal probiert und war dann doch als Praktikant ab so ca. Folge 9 dabei. Seitdem bin ich fest im Griff des Fernseh-Molochs. :)

Welche Fähigkeiten sind in einer Spieleredaktion gefragt? Spieletalent vor Rechtschreibung? Highscore vor Fachwissen?
Talent zum “erfolgreichen” Zocken finde ich weitaus weniger wichtig als die Fähigkeit, seine Gedankengänge klar und deutlich vermitteln zu können. Wenn man z.B. ständig in einem Multiplayer-Game verliert, sollte die eigene Selbsteinschätzung so ehrlich sein, dass man auch die richtigen Gründe dafür ermittelt. Liegt es am Lag? Ist das Matchmaking für Einsteiger ungeeignet? Oder reichen die eigenen Skills nicht? Diese Erfahrungswerte zeichnen dann ein eigenes Bild von dem zu testenden Spiel, und die Kunst ist es dann alles so vermitteln zu können, dass es nachvollziehbar für das Publikum bleibt. Speziell im TV-Sinne kommen noch etliche Faktoren dazu, die es im Print- und Online-Bereich so nicht gibt. Was genau will ich über ein Spiel überhaupt aussagen? In welchem Kontext passiert das? Was ist der Kern des Spieles und auch des Beitrages? Die Antwort auf welche Frage ist am Wichtigsten? Man “schleift” den Beitrag anhand langer Gedankengänge vorab, setzt dann noch etliche Maßstäbe was Struktur und Unterhaltungsfaktor obendrauf und entwickelt so die vier bis fünf Minuten Fernsehen, die auch ideal zum jeweiligen Spiel passen. Wer sowas kann ist in einer Redaktion wesentlich besser aufgehoben, als der, der im Schlaf “StarCraft 2” durchspielt. Der Enthusiasmus über das Berichten von Spielen sollte fast schon größer sein, als der Enthusiasmus über das Spielen selbst. Ich habe auf meiner Homepage gregs-rpgheaven.de seit über 12 Jahren hobby-mäßig über Spiele geschrieben, was meinen Fähigkeiten so enorm weitergeholfen hat, dass ich heutzutage Geld damit verdienen kann. Ohne Eigenintiative und Motivation kommt nicht viel rum – es gibt sonst immer einen, der “es” mehr will als du.

Denkst du, dass ein Studium den Einstieg in eine Spieleredaktion erleichtert? Ist es in deinen Augen eventuell sogar nötig?
Ein Journalismus-Studium oder Medientechnik wäre sicher nicht verkehrt, aber unbedingt nötig ist es momentan nicht. Ich mache zwar Fernsehen und schreibe Artikel, würde mich aber nicht als Journalisten bezeichnen. Man lernt im Job schnell Skills dazu was richtige journalistische Arbeit angeht wie vernünftige Recherche o.ä., aber im Grunde sind fast alle Leute in der Branche Fans, die eine halbwegs lesbare Schreibe haben. Sowas “reicht” noch locker um mit dabei zu sein, aber vielleicht geht in der Zukunft die Games-Berichterstattung wirklich mal in Richtung des Journalismus – ich würde es begrüßen.

Wie hat sich die Branche seit deinem Einstieg verändert?
So lange bin ich jetzt nicht dabei, knapp dreieinhalb Jahre erst, deshalb würde ich sagen die Trends die seitdem im Gange sind gehen unvermindert weiter. Print stirbt weiterhin und die Online-Berichterstattung dreht sich im Kreis, während die Spielebranche selbst enorm expandiert und bald auf traditionelle Gamer-Outlets nicht mehr angewiesen ist, wenn da nicht bald was passiert.

Was denkst du über Printmagazine und Online? Wie sieht die Zukunft der Spieleredaktion aus?
Wie schon im Absatz vorher erwähnt müssen Print- und auch Online endlich mal den Kopf aus ihrem eigenen Hintern ziehen, damit sie merken wie weit der Zug schon längst abgefahren ist. Print stirbt nicht nur weil die Leute ins Netz abwandern, sondern weil der Großteil aller Outlets sich seit den guten, alten Tagen der PowerPlay nicht weiterentwickelt hat. Ich brauche keine Selbstdarsteller, die in ewig gleichen Texten Objektivität heucheln und dann eine beliebige Zahl drunter setzen. Die meisten Online-Portale sind eine Erweiterung dieser Denkweise, nur ohne Limits was die Textmenge und teilweise haarsträubend-arroganter Einstellung was die “Wichtigkeit” der eigenen Meinung angeht. Was ich faszinierend an dem GameOne-Konzept finde und während meiner TV-Zeit dort auch immer beherzigt habe, ist die Tatsache dass es auf eine breite Masse zugeschnitten ist, ohne seine Individualität und Kompetenz zu verlieren. Wir machen dort Infotainment, zu gleichen Teilen Information als auch Unterhaltung, und die Kunst ist es beide Bereiche so zu verschmelzen dass beides gegeben ist. Ich will GameOne jetzt nicht als “Non Plus Ultra” der Gamesberichterstattung darstellen, das ist es natürlich nicht, aber der Grund unseres Erfolges ist, dass wir uns getraut haben aus dem üblichen Schema auszubrechen und mal was Anderes zu versuchen. Ich hoffe ehrlich, dass mehr Leute die Eier haben was komplett Neues zu machen, damit viel mehr Menschen abholen und sich nicht mehr ausschließlich an den inzestuösen Kern der Super-Ultra-Hardcore-Gamer richten – wir machen das schließlich nicht nur für uns selbst, Leute. :)

Macht es dir noch Spaß Spiele zu spielen oder verkommt es zur Arbeit?
Klar, auch wenn ich privat andere Spiele zocke als die zur Arbeit. Manchmal wird dir eben ein “Virtual Skipper” oder “Silent Hunter” vorgesetzt, welches dir physische Schmerzen zufügt, aber es muss eben gemacht werden. Besser das, als zehn Stunden am Tag am Fließband zu stehen, sage ich immer. Wenn ich nicht für die Arbeit spielen muss, macht mir jedes Spiel aber auch mehr Spaß als wenn es für die Arbeit ist – ist nunmal so. Momentan spiele ich selber fast ausschliesslich Grafik-Adventures am PC und DS sowie Japano-RPGs an der PSP.

Dein wichtigster Tipp für Schüler, die gerne Spieleredakteur werden wollen?
Seid euch sicher, warum ihr als Spieleredakteur arbeiten wollt. Ihr verdient damit kein gutes Geld, die Arbeitszeiten gehen auf keine Kuhhaut und der Spaß am Hobby “Gaming” könnte auch schnell flöten gehen. Wer keine Passion für das Umsetzen der eigenen Ideen hat, sei es in Text, Video oder von mir aus auch gesungener Form, der wird schnell ernüchtert sein. Oder muss als Ghandi ins Fernsehen, weil man der einzige ist der ’ne Glatze hat … seufz. :)

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